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Hollandse Herder Gebrauchshunderasse?
#32
Hallo in die Runde,

ich möchte noch anfügen, dass es nicht nur für den Hollandse Herder gilt, dass es Hunderassen gibt, die bei uns in Deutschland zumindest nicht offiziell als Gebrauchshunderassen gelten, von denen es aber international Zuchtlinien gibt, die allemal Gebrauchszuchtlinien sind. Man denke da (nicht nur, aber auch) z. B. an den Beauceron. Meiner Meinung nach eine Rasse, die tolle Gebrauchshunde hervorzubringen vermag! Und nicht nur meiner Meinung nach: Dafür haben Beaucerons, natürlich vor allem, aber nicht nur, in Frankreich schon lange den Beweis angetreten.

Wie ja hier schon gesagt, ist in Deutschland diejenige Hunderasse eine "Gebrauchshunderasse", die durch mindestens einen Zuchtverband in der AZG des VDH vertreten ist. Das ist das Kriterium: Nicht der tatsächliche Einsatz einer Rasse bei Polizei, Militär oder anderen Institutionen. Um beim Hollandse Herder zu bleiben: Den findet man international bei vielen Polizeibehörden, fast noch mehr seltsamerweise bei den Militärs verschiedener Länder, übrigens auch bei der Bundeswehr.

Obwohl das im ersten Moment so einleuchtend klingt, ist es aber vielleicht doch nicht ganz einfach, Gebrauchshunderassen nur über ihren Gebrauch bei Behörden zu definieren. Zum Beispiel sind international verschiedene Spaniel-Rassen bei Zollbehörden und auch in Armeen als leichte praktische Rauschgiftspürhunde sehr beliebt. Es gibt davon international bei den verschiedensten Institutionen gewiß deutlich mehr als Hovawarts, Riesenschnauzer, Airedales oder ähnliche. Sind also Spaniel die wahren Gebrauchshunde? Labrador-Retriever haben als Suchhunde beim Zoll und als Minenspürer bei vielen Armeen dieser Welt ein hervorragendes Standing. Sind das also die ultimativen Gebrauchshunde?

Oder soll das Kriterium die Vielseitigkeit sein, so dass Spaniel und (zumindest teilweise) die Retriever aufgrund mangelnder "Wehrigkeit" ausfallen?

Ein letzter Gedanke, der mir beim Lesen dieses Threads gekommen ist: Ich finde es ganz grundsätzllich schwierig, bestimmten Hunderassen, also gleich der ganzen jeweiligen Zuchtpopulation als solcher, die Gebrauchsfähigkeit abzusprechen oder sie madig zu machen. Ich fände das, ehrlich gesagt, selbst dann noch schwierig und problematisch, wenn es zutreffend wäre. Ich glaube zunächst mal, dass wir über den Gebrauchswert der allermeisten Hunderassen gar keine wirklich begründeten Aussagen machen können – weil uns die Möglichkeiten dieser Rassen gar nicht vorgeführt werden. Im Sport ist es doch so, daß die Rassen vorne stehen, in deren Zuchtverbänden es eine hinreichend große Anzahl von Menschen gibt, die mit großem Zeitaufwand mit neuester methodischer Raffinesse systematisch ausbilden. Wer kannte vor 30 Jahren in Deutschland den Malinois als Gebrauchshund? Sein Standing verdankt er zwar sicher nicht nur, aber doch ganz wesentlich auch der Tatsache, daß sich ihm Leute zugewandt haben, die etwas von Ausbildung verstehen und für die Ausbildung im Mittelpunkt ihres Interesses an Hunden und auch an der Hundezucht steht. Machen wir ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns eine Hunderasse vor, deren gebrauchshundliche Eignungen und deren Verteilungen über die Gesamtpopulation ganz genau so wären, wie beim heutigen Deutschen Schäferhund. Stellen wir uns aber vor, daß die Gesamtpopulation dieser Rasse viel, viel kleiner wäre als beim Deutschen Schäferhund. Und stellen wir uns weiter vor, diese Rasse würde von einem Zuchtverband betreut, der viel, viel kleiner ist als der SV und der die Rasse zwar auch als Gebrauchshunderasse definiert und in der AZG vertreten ist, der aber im Sport nicht den Mittelpunkt der Entwicklung der Rasse sieht, schon gar nicht im intensiv betriebenen Spitzensport. Das heißt: Innerhalb dieses Verbandes würden zwar auch Hunde ausgebildet, aber die Betonung läge auf "auch". Die "Ausbildungskultur" in diesem Verband hätte kaum oder nur in Einzelfällen etwas mit den neuesten Ausbildungsmethoden und Wettkampfstrategien zu tun. Kurz gesagt: Stellen wir uns vor, ein Hund wie der DSH würde von einem Zuchtverband betreut wie dem Internationalen Boxer Club oder irgendeinem vergleichbaren (womit ich denen gar nicht zu nahe treten will). Wir können mit absoluter Gewißheit davon ausgehen, daß dann diese Hunderasse, obwohl so schlecht oder gut geeignet wie der heutige DSH, in der Gebrauchshundeszene natürlich genauso als "Exot" dastehen würde wie heute etwa der Bouvier oder viele andere.

Freilich soll damit nicht geleugnet sein, daß es auf die Dauer für eine Gebrauchshunderasse Folgen hat, immer nur als Exot dazustehen und in der Gebrauchshundeszene über Jahrzehnte heruntergeredet zu werden. Die Folge ist nämlich, daß immer weniger Interessenten bei Züchtern auf der Matte stehen, die sich für einen möglichst geeigneten Gebrauchshund interessieren. Züchter züchten für eine Nachfrage – beziehungsweise ihr eigenes Bild von der Hunderasse, die sie züchten, wird irgendwann von der Nachfrage bestimmt, sie selbst sind in ihrem Interesse an ihrer Hunderasse von den Nachfragern früher oder später nicht grundsätzlich verschieden. Wenn die explizite Nachfrage nach einer dezidierten Gebrauchshundezucht schwach ist, dann ebbt auch das Interesse von Züchtern an einer entsprechenden Zucht ab. Es bildet sich also ein Teufelskreis: Wer eine Hunderasse herunterredet, der trägt ein ganz klein wenig dazu bei, daß diese Rasse in der Gebrauchshundszene als uninteressant gilt, senkt also die entsprechende Nachfrage und schwächt damit tatsächlich auch wiederum die Voraussetzungen dafür, die entsprechenden Fähigkeiten der Rasse weiter zu entwickeln.

Nun könnte man sagen: Sei's drum, ist doch nicht schade um die eine oder andere Rasse. Ob es aber schade drum war, wissen wir wie gesagt gar nicht wirklich. Mit dem Abdriften des Publikums für diese Rasse aus dem Gebrauchshundeinteresse verliert unser Sport aber gleich Tausende potentieller Interessenten – und er scheint mir im Moment nicht in der Position zu sein, in der er sich das erlauben könnte. – Und mal ganz abgesehen davon, nehmen auch die wenigen Rassen, die als Gebrauchshunde beliebt bleiben, an dieser Beliebtheit auf die Dauer auch Schaden! Eine bessere Verteilung des Interesses auf mehrere Rassen wäre auch in deren wohlverstandenem Interesse.

Und dann noch ein letzter Gedanke (Verzeihung, dass ich hier zu weit ins Grundsätzliche gehe): Es gibt vielleicht gar nicht DIE eine und einzige gebrauchshundliche Eignung. Sondern es gibt verschieden angemessene Eignungen für verschiedene Zwecke. Das hieße dann aber: Es wäre ein Wert an sich, ein breites Spektrum von Hunderassen gebrauchsfähig zu halten, deren Eignungen unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen. Durch unsere Einheitsprüfungsordnung wird diese Notwendigkeit immer ein wenig verdeckt. Gerade im deutschen Gebrauchshundewesen wird traditionell ziemlich monopolistisch gedacht. Da hat lange die faktische organisatorische Macht der Vertretung einer bestimmten Hunderasse dafür gesorgt, daß das Hervortreten schwerpunktmäßiger Eignungen anderer Rassen immer nur in gewissen Grenzen deutlich werden konnte. Zeigte sich etwa die größere Haltekraft des Griffes bei einer leicht kurzköpfigen Rasse wie dem Rottweiler, dann kam der keilförmige Ärmel auf, der ausgesprochenen Langnasen doch wieder vergleichbare Chancen einräumte. Zeigte sich ein beeindruckenderes Kampfverhalten im Schutzdienst bei Rassen, die ihre Triebigkeit gewissermaßen in Form einer "stillen Wut" stark nach innen nehmen und nicht so sehr schon vor dem Kampf lautlich ausagieren, dann wurde die Bedeutung des Stellens und Verbellens in der Bewertungswertigkeit erhöht, zeigten sich andere Rassen als durchaus triebstärker, aber als weniger in der Lage, Trieb und große Gehorsamsexaktheit zusammenzubringen, dann wurde der Schutzdienst verstärkt zur "Unterordnung unter Ablenkung", gleichzeitig wurden die entsprechenden Rassen, die nun Anpassungsschwierigkeiten zeigten, reihenweise mit dem Standardetikett ausgerechnet der Triebarmut versehen. Brilliert heute eine Rasse durch den Eindruck höherer Schnelligkeit, so wird überlegt, die Übung, die das am explosivsten optisch zum Ausdruck bringt, entsprechend einzupegeln – freilich geschieht das alles natürlich immer unter anderen Etiketten, da sonst der Widerstand dagegen programmiert wäre.

Um Mißverständnissen gleich vorzubeugen: Ich bin nicht gegen die Einheitsprüfungsordnung. Ich denke nur, daß man in ihrer Ausformung und Interpretation Einseitigkeiten vermeiden müßte. So sehen wir heute in der Schnelligkeit der Hunde einen hohen Wert. Und das ist er unbestritten auch! Es ist nur nicht der einzige. Auch wenn heute ein schneller Malinois im direkten Vergleich mit den meisten Rottweilern im Schutzdienst gute Chancen auf eine Bewertung hat, die auch eine Anerkennung seines Tempos einschließt, würde ich persönlich, wenn es wirklich ernst wird, mich allemal lieber mit einem Malinois als mit einem guten Rottweiler anlegen ...

Und damit ich hier das Thema nun nicht ganz und gar verfehlt habe, zurück zum Hollandse Herder: Auch der ist nicht einfach mit ganz genau denselben Eignungen gesegnet wie der Malinois. Es gibt zwar Zuchtlinien, die durchaus ein wenig "hippelig" sind, ich kenne aber auch ganz ruhige Vertreter der Rasse, die trotzdem für die Ausbildung interessant sind. Ich habe hier mit Freude gelesen, daß man auf den Weg ist, einen Zuchtverband für den HH in die AZG zu bringen. Mal sehen, was diese neue Rasse dann da an neuen Gesichtspunkten, an Vielseitigkeit einbringt.

Langer Rede kurzer und banaler Sinn: Ich denke, es wäre für uns ganz grundsätzlich nötig, für unseren Sport INTEGRATIV und nicht ausschließend zu agieren. Das heißt, die Stärken vieler zu betonen und zu fördern, um ein möglichst breites Interessenfeld zu schaffen.

Sorry für die etwas abschweifende Themenbehandlung
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