23-08-2014, 13:08
Hallo Reinhard,
ich stimme dir in der Einschätzung des konkreten Falles, um den es hier geht, und auch in der Grundeinstellung zum Verhältnis des Hundes zum Helfer ganz zu.
Auch hinsichtlich der Langen Flucht: Die ist tatsächlich abgeschafft worden, weil man Hunde nicht Fliehenden in den Rücken schicken wollte. Das schadet der öffentlichen Darstellung. "Mutprobe" hieß das früher, weil der Grundgedanke hinter der Übung der war, dass dem Hund erst ein "schwaches, fliehendes Opfer" präsentiert wird, dass sich dann "überraschend" als wehrhaft herausstellt. Man meinte, dass in der Natur ein angstvolles Wesen, dass sich schließlich stellt, alles an Gegenwehr gibt, was möglich ist - und dass der Hund das weiß und das dann auch fürchtet. Nicht erst am Anbiss, sondern schon an der Reaktion auf die Kehrtwendung des Helfers glaubte man eventuelle Schwächen des Hundes erkennen zu können. Was das ruhige Abwarten des Hundes vor dieser Übung betrifft, so war das eher noch schwieriger als heute, denn der Hund musste zwei Anrufe des HF an den Helfer abwarten, ehe er - eigenständig - los durfte. Das Einsetzen von Hunden mit Kommando in Kampfhandlungen, das Du als einen Stilbruch angesprochen hast, ist in der Systematik des Schutzhundesports eine ganz junge Sache. So wie man es heute als politisch unkorrekt empfindet, Hunde Fliehenden nachzusenden, hat man es früher (auch angesichts der Rechtslage, die das Hetzen von Hunden verbietet) als politisch unkorrekt empfunden, Hunde mit eindeutigem Kommando (Hetzen) zur Kampfhandlung zu schicken. Die ursprüngliche Systematik des Schutzhundesports war komplizierter: Da musste der Hund (angeblich) immer selbständig die Entscheidung zum Kampf treffen - jedenfalls bekam er kein Kommando. Aber die Ausbildung war natürlich eine Schablone dafür, in welchen Situationen gebissen wurde und in welchen nicht. Das war in Deutschland anders als etwa in den Ringsportarten, wo immer sowohl "selbständige" Entscheidungen als auch Kommandoeinsätze des Hundes vorgesehen waren. Es gehörte lange zur Tradition des deutschen Hundesports, dass eindeutiges Einsetzen zur Kampfhandlung mit Kommando nicht existierte. Der Kommandoeinsatz sah eigentlich das Stellen des Hundes vor. Demonstrativ stand immer das Stellen eines Scheintäters OHNE Kampfhandlung als erste Übung am Anfang von Prüfungen: Das sollte zeigen, worum es geht. Und gebissen wurde "nur", weil der "Täter" sich nicht stellen ließ, sondern floh oder angriff. Aber dann war die Kampfhandlung nur eine "indirekte" Folge des kommandierten Einsatzes, das Kommando hatte nicht direkt die Kampfhandlung zum Ziel. So war auch selbständiges Loslassen bei Einstellung des Kampfes durch den Täter (durch die der Grund für das selbstständige Zufassen des Hundes logischerweise entfiel) Teil der Systematik: Ein Kommando zum Loslassen war zwar erlaubt, seine Notwendigkeit war aber in der Logik eigentlich schon ein Problem, denn - wie gesagt - Zufassen und Loslassen sollten bei oberflächlicher Betrachtung als durch den HF unveranlasste Selbsttätigkeiten des Hundes erscheinen. (Die etwas Älteren unter uns müssten sich daran eigentlich noch erinnern, dass früher über den Status des Kommandos zum Loslassen zuweilen diskutiert wurde.) Jedes weitere Kommando zum Loslassen wurde in dieser Logik mit deutlichem Abzug bestraft, bis hin zum Abbruch. Teile dieser alten Systematik sind ja noch nicht aus der PO verschwunden, Teile der alten Logik und neue Einsprengsel, die sie aufbrechen, stehen da ja direkt nebeneinander. Es sollte früher grundsätzlich, ausnahmslos und in sich vollkommen konsequent präsentiert werden: Kein Mensch muss von einem ausgebildeten Hund, auch einem Diensthund, gebissen werden, sondern jeder Mensch kann das selbst steuern! Er muss nur stillstehen, schon kann ihm nichts passieren, ganz gleich, welches Kommando der Hund bekommen haben mag. Ob man gebissen wird oder nicht, entscheidet man selbst, nicht der Hund: Man darf eben nicht angreifen oder weglaufen. Es sollte also kein Kommando geben, das vom Hund alternativlos mit einem Angriff assoziiert wurde.
Diese Systematik ist jetzt seit einigen Jahren aufgegeben, weil man es eher als problematisch empfindet, selbständig angreifende Hunde zu zeigen. Eine frühere politische Korrektheit (das Nicht-Hetzen von Hunden gemäß der Rechtslage) wurde durch eine neue politische Korrektheit (Hunde sollen keine fliehenden Personen verfolgen) abgeräumt. Der Geschmack der political correctness verändert sich, aber political correctness war bzw. ist beides. Bei der Kurzen Flucht verfolgt allerdings noch immer ein Hund einen Fliehenden. Und beim Langen Gang haben wir jetzt die wenig glaubwürdige Situation, dass, um die Inszenierung aus irgendeiner Verhaltenslogik zu erklären, eine Annäherung in Dutzenden Metern Entfernung als ein so ernsthafter Angriff ausgelegt werden muss, dass der Einsatz eines Hundes aus dringender Notwehr erzwungen sein soll. Und Hintergedanken zur Überprüfung der Selbstsicherheit des Hundes (worum es ja eigentlich nur geht) enthält die Übung nun auch weniger als früher (wobei man sich darüber streiten kann, ob die früheren Überlegungen richtig waren).
Aber wieder weg vom Historischen. Hin zur Frage, worum es im "Spieldienst" (wie es oben so schön hieß) geht: Es geht um die Frage, ob man Hunde gegenüber aggressiv auftretenden Menschen zu so viel Selbstsicherheit bringen kann, dass sie zugleich abschreckend wirken und im Gehorsam bleiben können. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass das bei Sporthunden in der Praxis völlig anders aussieht und durchgeführt wird als bei Diensthunden, im Gegenteil, das ist notwendig. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, dass diese Fähigkeit bei Hunden spielerisch aufgebaut werden kann. Die Pointe an denjenigen Sportarten, die solche Elemente beinhalten, sollte aber sein, dass sie Hunde fordern und fördern - und die Zucht mit solchen Hunden fordern und fördern - die, wie auch immer, zu solcher Dominanz tatsächlich nachhaltig gebracht werden können. Solange sich Menschen solche Dominanz zunutze machen, muss es einen Pool an Hunden geben, aus dem solche Hunde hervorgehen. (Nebenbei: Leute, die fordern, Beißübungen dürften nur von Behörden durchgeführt werden, verkennen, dass all die Tausende von Hunden, die durch entsprechende Selektionen für die Zucht zu gehen hätten, um Fähigkeiten zu selektieren, von Behörden selbst vorgehalten und getestet werden müssten. Keine Behörde der Welt hält einen Genpool vor, der die Voraussetzungen für das Diensthundewesen als solches bereithält. Behörden wären schon heillos damit überfordert, auch nur die Eltern und Großeltern ihrer Diensthunde vorzuhalten und dann noch zu ausreichender Zucht einzusetzen, was ja teure ausgebildete Hunde vom Dienst abhält.)
Nun hat der IPO-Sport in seiner heutigen Praxis über weite Strecken mit der Förderung einer konsequenten entsprechenden Zucht auch nichts mehr zu tun. Das hat aber nicht einfach mit einem Verlust an Härte zu tun. Wenn die notwendige Dominanz, auf die Reinhard in seinen Beiträgen hier abzielt, anders nachhaltig bei Hunden erreichbar ist als nur durch die Selektion "asozialer" Verhaltenstendenzen, dann ist das eben die historische Entwicklung. Nur um diese Dominanz, um den ruhigen, selbstbewussten Willen des Hundes, den Gegner zu dominieren, auch und gerade, wenn der aggressiv auftritt, um den geht es. Zucht und Ausbildung sollten diese Fähigkeit (neben einigen anderen Fähigkeiten) bei Hunden erhalten, weil das noch immer zu den Fähigkeiten bei Hunden gehört, von denen Menschen Gebrauch machen. Und damit davon Gebrauch gemacht werden kann, muss es einen Pool an Hunden geben (und letztlich auch einen Genpool in Form von in dieser Richtung züchterisch selektierterten Tieren), der das ermöglicht. Wie gesagt: Die Vorstellung mancher Menschen, dass z. B. nur Behörden solche Selektion und Zucht betreiben könnten, ist völlig naiv. Darüber aber, wie man die gewünschte Eigenschaft erhalten kann, wie Ausbildung und Zucht da zusammenwirken können, gehen die Meinungen auseinander. Ich sage mal: Ganz bestimmt ist es nicht nur ein bestimmter Verband und sind es nicht nur die Vereinheitlichungswünsche eines bestimmten Verbandes, die da zum Ziel führen.
ich stimme dir in der Einschätzung des konkreten Falles, um den es hier geht, und auch in der Grundeinstellung zum Verhältnis des Hundes zum Helfer ganz zu.
Auch hinsichtlich der Langen Flucht: Die ist tatsächlich abgeschafft worden, weil man Hunde nicht Fliehenden in den Rücken schicken wollte. Das schadet der öffentlichen Darstellung. "Mutprobe" hieß das früher, weil der Grundgedanke hinter der Übung der war, dass dem Hund erst ein "schwaches, fliehendes Opfer" präsentiert wird, dass sich dann "überraschend" als wehrhaft herausstellt. Man meinte, dass in der Natur ein angstvolles Wesen, dass sich schließlich stellt, alles an Gegenwehr gibt, was möglich ist - und dass der Hund das weiß und das dann auch fürchtet. Nicht erst am Anbiss, sondern schon an der Reaktion auf die Kehrtwendung des Helfers glaubte man eventuelle Schwächen des Hundes erkennen zu können. Was das ruhige Abwarten des Hundes vor dieser Übung betrifft, so war das eher noch schwieriger als heute, denn der Hund musste zwei Anrufe des HF an den Helfer abwarten, ehe er - eigenständig - los durfte. Das Einsetzen von Hunden mit Kommando in Kampfhandlungen, das Du als einen Stilbruch angesprochen hast, ist in der Systematik des Schutzhundesports eine ganz junge Sache. So wie man es heute als politisch unkorrekt empfindet, Hunde Fliehenden nachzusenden, hat man es früher (auch angesichts der Rechtslage, die das Hetzen von Hunden verbietet) als politisch unkorrekt empfunden, Hunde mit eindeutigem Kommando (Hetzen) zur Kampfhandlung zu schicken. Die ursprüngliche Systematik des Schutzhundesports war komplizierter: Da musste der Hund (angeblich) immer selbständig die Entscheidung zum Kampf treffen - jedenfalls bekam er kein Kommando. Aber die Ausbildung war natürlich eine Schablone dafür, in welchen Situationen gebissen wurde und in welchen nicht. Das war in Deutschland anders als etwa in den Ringsportarten, wo immer sowohl "selbständige" Entscheidungen als auch Kommandoeinsätze des Hundes vorgesehen waren. Es gehörte lange zur Tradition des deutschen Hundesports, dass eindeutiges Einsetzen zur Kampfhandlung mit Kommando nicht existierte. Der Kommandoeinsatz sah eigentlich das Stellen des Hundes vor. Demonstrativ stand immer das Stellen eines Scheintäters OHNE Kampfhandlung als erste Übung am Anfang von Prüfungen: Das sollte zeigen, worum es geht. Und gebissen wurde "nur", weil der "Täter" sich nicht stellen ließ, sondern floh oder angriff. Aber dann war die Kampfhandlung nur eine "indirekte" Folge des kommandierten Einsatzes, das Kommando hatte nicht direkt die Kampfhandlung zum Ziel. So war auch selbständiges Loslassen bei Einstellung des Kampfes durch den Täter (durch die der Grund für das selbstständige Zufassen des Hundes logischerweise entfiel) Teil der Systematik: Ein Kommando zum Loslassen war zwar erlaubt, seine Notwendigkeit war aber in der Logik eigentlich schon ein Problem, denn - wie gesagt - Zufassen und Loslassen sollten bei oberflächlicher Betrachtung als durch den HF unveranlasste Selbsttätigkeiten des Hundes erscheinen. (Die etwas Älteren unter uns müssten sich daran eigentlich noch erinnern, dass früher über den Status des Kommandos zum Loslassen zuweilen diskutiert wurde.) Jedes weitere Kommando zum Loslassen wurde in dieser Logik mit deutlichem Abzug bestraft, bis hin zum Abbruch. Teile dieser alten Systematik sind ja noch nicht aus der PO verschwunden, Teile der alten Logik und neue Einsprengsel, die sie aufbrechen, stehen da ja direkt nebeneinander. Es sollte früher grundsätzlich, ausnahmslos und in sich vollkommen konsequent präsentiert werden: Kein Mensch muss von einem ausgebildeten Hund, auch einem Diensthund, gebissen werden, sondern jeder Mensch kann das selbst steuern! Er muss nur stillstehen, schon kann ihm nichts passieren, ganz gleich, welches Kommando der Hund bekommen haben mag. Ob man gebissen wird oder nicht, entscheidet man selbst, nicht der Hund: Man darf eben nicht angreifen oder weglaufen. Es sollte also kein Kommando geben, das vom Hund alternativlos mit einem Angriff assoziiert wurde.
Diese Systematik ist jetzt seit einigen Jahren aufgegeben, weil man es eher als problematisch empfindet, selbständig angreifende Hunde zu zeigen. Eine frühere politische Korrektheit (das Nicht-Hetzen von Hunden gemäß der Rechtslage) wurde durch eine neue politische Korrektheit (Hunde sollen keine fliehenden Personen verfolgen) abgeräumt. Der Geschmack der political correctness verändert sich, aber political correctness war bzw. ist beides. Bei der Kurzen Flucht verfolgt allerdings noch immer ein Hund einen Fliehenden. Und beim Langen Gang haben wir jetzt die wenig glaubwürdige Situation, dass, um die Inszenierung aus irgendeiner Verhaltenslogik zu erklären, eine Annäherung in Dutzenden Metern Entfernung als ein so ernsthafter Angriff ausgelegt werden muss, dass der Einsatz eines Hundes aus dringender Notwehr erzwungen sein soll. Und Hintergedanken zur Überprüfung der Selbstsicherheit des Hundes (worum es ja eigentlich nur geht) enthält die Übung nun auch weniger als früher (wobei man sich darüber streiten kann, ob die früheren Überlegungen richtig waren).
Aber wieder weg vom Historischen. Hin zur Frage, worum es im "Spieldienst" (wie es oben so schön hieß) geht: Es geht um die Frage, ob man Hunde gegenüber aggressiv auftretenden Menschen zu so viel Selbstsicherheit bringen kann, dass sie zugleich abschreckend wirken und im Gehorsam bleiben können. Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass das bei Sporthunden in der Praxis völlig anders aussieht und durchgeführt wird als bei Diensthunden, im Gegenteil, das ist notwendig. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, dass diese Fähigkeit bei Hunden spielerisch aufgebaut werden kann. Die Pointe an denjenigen Sportarten, die solche Elemente beinhalten, sollte aber sein, dass sie Hunde fordern und fördern - und die Zucht mit solchen Hunden fordern und fördern - die, wie auch immer, zu solcher Dominanz tatsächlich nachhaltig gebracht werden können. Solange sich Menschen solche Dominanz zunutze machen, muss es einen Pool an Hunden geben, aus dem solche Hunde hervorgehen. (Nebenbei: Leute, die fordern, Beißübungen dürften nur von Behörden durchgeführt werden, verkennen, dass all die Tausende von Hunden, die durch entsprechende Selektionen für die Zucht zu gehen hätten, um Fähigkeiten zu selektieren, von Behörden selbst vorgehalten und getestet werden müssten. Keine Behörde der Welt hält einen Genpool vor, der die Voraussetzungen für das Diensthundewesen als solches bereithält. Behörden wären schon heillos damit überfordert, auch nur die Eltern und Großeltern ihrer Diensthunde vorzuhalten und dann noch zu ausreichender Zucht einzusetzen, was ja teure ausgebildete Hunde vom Dienst abhält.)
Nun hat der IPO-Sport in seiner heutigen Praxis über weite Strecken mit der Förderung einer konsequenten entsprechenden Zucht auch nichts mehr zu tun. Das hat aber nicht einfach mit einem Verlust an Härte zu tun. Wenn die notwendige Dominanz, auf die Reinhard in seinen Beiträgen hier abzielt, anders nachhaltig bei Hunden erreichbar ist als nur durch die Selektion "asozialer" Verhaltenstendenzen, dann ist das eben die historische Entwicklung. Nur um diese Dominanz, um den ruhigen, selbstbewussten Willen des Hundes, den Gegner zu dominieren, auch und gerade, wenn der aggressiv auftritt, um den geht es. Zucht und Ausbildung sollten diese Fähigkeit (neben einigen anderen Fähigkeiten) bei Hunden erhalten, weil das noch immer zu den Fähigkeiten bei Hunden gehört, von denen Menschen Gebrauch machen. Und damit davon Gebrauch gemacht werden kann, muss es einen Pool an Hunden geben (und letztlich auch einen Genpool in Form von in dieser Richtung züchterisch selektierterten Tieren), der das ermöglicht. Wie gesagt: Die Vorstellung mancher Menschen, dass z. B. nur Behörden solche Selektion und Zucht betreiben könnten, ist völlig naiv. Darüber aber, wie man die gewünschte Eigenschaft erhalten kann, wie Ausbildung und Zucht da zusammenwirken können, gehen die Meinungen auseinander. Ich sage mal: Ganz bestimmt ist es nicht nur ein bestimmter Verband und sind es nicht nur die Vereinheitlichungswünsche eines bestimmten Verbandes, die da zum Ziel führen.

