Volpi,'index.php?page=Thread&postID=136297#post136297' schrieb:@ Frank: Wenn Du in der Ausbildung bewusst in die aktiven Bereiche des agonistischen Verhaltens (Drohen, Angriff, Flucht), gemeinhin auf den Begriff (Sozial-)aggression verdichtet, reingehst, ...
Viele Dank für Deine interessante Antwort. Ich merke, dass ich von den Hintergründen im Hundesport wohl nicht ausreichend weiß. Oft verstehe ich die Fragen bzgl. Aggression nicht und habe demzufolge mit den Antworten auch Schwierigkeiten. Man macht sich ja öfter Gedanken über Hunde und Sport. Ich schreib's mal auf.
Ich seh‘ die Sache so: Zuerst muss man wissen, was man will. Ich will einen Schutzhund. Er soll den Hof von Schädlingen frei halten. Wenn meine Frau oder die Kinder vor jemanden Angst haben, soll er sich darum kümmern. Er soll auch Spielgerät für die Kinder sein. Wenn sie ihm mit dem Buddeleimer auf den Kopf hauen, soll er sich darüber freuen oder weggehen. Wenn ich bei groben Arbeiten seine Hilfe brauch, soll er mir helfen. Wenn ich will, dass er die Backen hält, soll er das tun.
Dabei ist es mir recht gleich, ob mein Hund sich nur prügeln will, weil ihm das Freude bereitet, er ein Problem wahrnimmt, das am besten gleich beseitigt werden sollte, oder ob er der Auffassung ist, dass der Typ, welcher da rumoxydiert, nur sinnlos Sauerstoff verbraucht.
Entscheidend ist, dass der Hund hört, also gehorcht, dass seine Konstitution ihm das gehorchen überhaupt ermöglicht. DAS muss man mit seinen Hunden trainieren, dass sie gehorchen, egal, wann und wo und bei welcher Gelegenheit.
Einem Hund, der meine oben genannten Ansprüche erfüllt und gehorcht, dem brauche ich kein beißen beibringen.
Häufig sieht man, wie viel Theater betrieben wird, um einen Hund zum Beißen zu verlocken. Spätestens wenn er hören soll oder sich nicht mehr in gewohnten Abläufen bewegt bricht das Kartenhaus zusammen. Dann nimmt man dem Hund wieder alles weg (mit [zum Teil eheblichen] Zwang). Die Hunde brechen zusammen oder drehen frei. Letzteres hat aber nichts mit Dominanz, Trieb, Aggression zu tun, sondern nur mit Notwehr.
Auch das Fördern, dass ganz junge Hunde mittels aggressivem Verhalten Helfer dominieren und vertreiben, halte ich für überflüssig. Es impliziert, dass der Hund ohne dieses Training es als Erwachsener aus sich heraus nicht kann (ja gut, er soll auf den Ärmel nicht mehr so scharf sein). Es funktioniert aber nur bei der Leistungselite und in festen Abläufen. Bei meinen Hunden unterbinde ich es. Selbstsicheres Auftreten bedeutet für mich, völlig entspannt zu sein und nicht rumposen.
Würde man „schwächeren“ Hunden erlauben, z.B. bei „Aus“ zu stehen, liegen, sitzen, womit er eben besser zurecht kommt, oder auch kurz abzuschalten, solange er die Flucht oder den Angriff verhindert, hat der Hund sofort mehr Reserven.
Von daher halte ich die Diskussionen, welche Nuance des agonistischen Verhaltensbereiches ihn nun dazu brachte, zu beißen, für nicht so wichtig.
Beißt ein Hund ohne Auftrag oder stellt nicht ein, erfolgte keine Interessenverschiebung vom Beißen (unabhängig der Motivation) zum „mir zuhören“. Der Hund nimmt mich nicht ernst oder wahr. Das muss geändert werden.
Kann der Hund mir nicht mehr zu hören, weil er mit der Umwelt den Kopf voll hat und kein Input mehr möglich ist, dann ist er kein Schutzhund, wie ich ihn will. Beißt der Hund wegen seines Gehorsams nicht mehr so doll wie vorher, dann ist das eben so. Dieser Hund ist ein besserer Schutzhund, als der, welcher alles wegmeißelt, aber nicht hört und der deshalb zu Hause im Zwinger bleibt.
Will man nun sportlich so etwas selektieren, ist die IPO kein wirklicher Test. IPO fördert Spezialisten und nicht Generalsiten. Würde IPO ein zuverlässiger Anzeiger für Qualität sein, bräuchte man keine Körungen.
Was mich traurig macht, ist die Züchterei von so vielen (Sport-)Hunden, die weitergegeben werden, weil sie irgendeine Modeerscheinung nicht verwirklichen können. Kein Mensch prüft, ob die Hunde das Leben ertragen. Täte man dies, gäbe es vermutlich weniger Hunde. Der Züchter würde sich fragen: „Meine Hunde sind kein Spielzeug. Wenn ich jetzt einen Wurf mache, wo sollen die Welpen hin, zu wem?“
Es werden hochgradig nervöse Malis und andere Rassen in Privathand entlassen. Wie sollen die Laien damit zurechtkommen, wenn schon die Profis versagen? All die mehrjährigen, vorgearbeiteten Hunde werden ja nicht ohne Grund abgegeben. Und natürlich haben sie keine IPO – Prüfung, keine Ahnentafel und können die Bilanz nicht trüben.
Oder man sagt „umständehalber“ wird der Hund abgegeben. Man zieht um oder so. Bloß wenn der Hund mit einer neuen Wohnung, einer veränderten Lebenssituation und vor allem neuen Babies nicht zurechtkommt, dann ging die ganze Zucht am Leben vorbei. Wofür ist sie dann nutze?
Die Frage, aus welcher Aggressions-Motivation heraus der Hund nun den Jogger gebissen hat, ist zweitrangig. Das Problem ist ein anderes.
Gruß Frank
PS: Ich meine für mich, dass Hunde, die bei vernünftiger Reizschwelle zu erheblichen Aggressionen fähig sind, die besten Begleiter sind im Leben und für Familien, da die Nerven nicht wegen jeder Kleinigkeit blank liegen, aber bei Bedarf das Erforderliche getan wird. .
PPS: Ich weiß, dass es Extremisten gibt. Um die ging es mir hier aber nicht.
PPS: Nein, ich habe noch keine wesentlichen Prüfungserfolge vorzuweisen. Das mit den Detais ist mir oft zu schwierig.

quint: