30-10-2006, 09:10
Die Natur kennt weder Belohnungen noch Bestrafungen, die Natur kennt nur Konsequenzen. Ganz gleich ob ich ein Kind oder einen Hund erziehe – wenn ich es schaffe, dass das mir anvertraute Wesen dazu in die Lage versetzt wird, die für seine Umwelt relevanten Konsequenzen seines Verhaltens richtig zu antizipieren und adäquate Verhaltensweisen im Sinne eines Anpassungsprozesses aufzubauen, so habe ich dieses Wesen i.d.R. gut auf ein erfolgreiches Leben vorbereitet.
Geht es um das Vermeiden ungewollter Konsequenzen, so kann ich manchmal dabei behilflich sein ein Alternativverhalten zu entdecken und den Fokus darauf lenken. (Übertragen auf den Hund: Wenn er beispielsweise unaufmerksam ist, biete ich ihm sein geliebtes Bällchen an und kann den Hund mittels shaping – von mir aus auch mittels clicker – daran gewöhnen, sich durch einfache Hinweisreize aufmerksam zu zeigen. In zahlreichen Situationen kann ich so oder ähnlich gewünschtes Verhalten aufbauen.)
Ist das Erregungsniveau (durch das gewollte oder ungewollte Ansprechen von Triebbereichen oder Motivationen) allerdings sehr hoch, so wird mir dies nicht mehr gelingen. Andere Areale im Gehirn haben die Kontrolle übernommen und das Lebewesen ist nur noch durch klare Einwirkungen von Außen oder unangenehme Konsequenzen von seinem Tun abzubringen. Physiologisch sind hier einfach Grenzen gesetzt.
Emotional instabile Menschen (Borderliner), die sehr mit ihrer Impulsivität zu kämpfen haben, bezeichnen diesen Moment, wenn sie beispielsweise durch nichts mehr davon abzubringen sind, sich selbst zu verletzen, als „point of no return“. Alternatives Verhalten wird hier zwar aufgebaut und trainiert, aber: Das funktioniert jedoch nur dann, wenn ich als Betroffener rechtzeitig bemerke, dass ich in einen solchen Zustand impulsiven Handelns komme. Übertragen auf die Hundeerziehung heißt das: Wenn ich sehr früh bemerke, dass mein Hund „zu kippen droht“ habe ich die größten Chancen, das unerwünschte Verhalten durch den Aufbau nicht kompatibler alternativer Verhaltensweisen zu unterbinden. Leider geht das nicht immer, da die Impulsivität genetisch stark verankert ist und dem Hund (wenn es denn noch ein Hund ist) sein Überleben sichert (Beute machen, Verteidigen, Geschlechtstrieb etc.)
Jetzt sind die meisten Hunde (wenn es denn noch richtige Hunde sind) in der Regel aber noch impulsiver als die meisten impulsiven Menschen. Hunde sind andererseits extrem soziale Wesen, sie leben eigentlich in einem Rudel und das Nicht-Befolgen von Regeln hätte fatale Folgen für sie. Also lernen sie, ihre Impulsivität zu kontrollieren. Sie lernen das durch die wahrgenommenen Konsequenzen, und die können positiv und negativ sein. Kein Leitwolf wird einem juvenilen Rüden, der mal die Leitwölfin besteigen will, ein alternatives Verhalten shapen. Das wäre auch nicht artgerecht. Aber ganz abgesehen davon, wäre der juvenile Casanova aufgrund seines Erregungsniveaus gar nicht damit erreichbar, ebenso wenig wenn er sich nach geschlagener Beute herausnähme, als erster zu fressen.
Warum schreibe ich das? Meine Hunde schlafen neben meinem Bett. Sie begleiten mich in mein Büro, sie sind permanenter Bestandteil meines Lebens und ihr Wohlbefinden liegt mir sehr am Herzen. Ich wollte nichts tun, was ihnen schadet.
Aber: Liebe allein genügt nicht. Shapen allein genügt ebenso wenig. Wenn hier Newcomer im Forum vermittelt bekommen, man könne einen Hund ausschließlich mit positiver Verstärkung erziehen, dann ist das nicht nur schlichtweg falsch, sondern auch gefährlich, ebenso gefährlich wie Nanny-Sendungen. Die Natur kennt keine Belohnungen und Bestrafungen, sie kennt nur Konsequenzen, und wenn der Hund nicht gelernt hat, dass es auch sehr negative Konsequenzen gibt, dann wird er im Zweifelsfall sein impulsives Handeln durchsetzen, aber vielleicht sind dann ja andere Schuld, z.B. der Züchter, Vorbesitzer oder wer auch immer.
Ich bin zwar der Meinung, dass die Liebe zu seinem Hund, den wichtigsten Faktor bei Erziehung und Ausbildung verkörpert, aber Liebe allein schafft ebenso grenzenlose Hunde, wie ständige Bestrafung unglückliche, neurotische Hunde hervorbringt. Nichts gegen das clickern! Es ist eine sehr gute Methode zum Aufbau erwünschter Verhaltensweisen, aber man sollte die Methode, ihre Chancen und ihre Grenzen auch verstanden haben, bevor man sie hier als Allheilmittel propagiert.
Helmut Dillmann
http://www.schaeferhunde-von-mordor.de
Geht es um das Vermeiden ungewollter Konsequenzen, so kann ich manchmal dabei behilflich sein ein Alternativverhalten zu entdecken und den Fokus darauf lenken. (Übertragen auf den Hund: Wenn er beispielsweise unaufmerksam ist, biete ich ihm sein geliebtes Bällchen an und kann den Hund mittels shaping – von mir aus auch mittels clicker – daran gewöhnen, sich durch einfache Hinweisreize aufmerksam zu zeigen. In zahlreichen Situationen kann ich so oder ähnlich gewünschtes Verhalten aufbauen.)
Ist das Erregungsniveau (durch das gewollte oder ungewollte Ansprechen von Triebbereichen oder Motivationen) allerdings sehr hoch, so wird mir dies nicht mehr gelingen. Andere Areale im Gehirn haben die Kontrolle übernommen und das Lebewesen ist nur noch durch klare Einwirkungen von Außen oder unangenehme Konsequenzen von seinem Tun abzubringen. Physiologisch sind hier einfach Grenzen gesetzt.
Emotional instabile Menschen (Borderliner), die sehr mit ihrer Impulsivität zu kämpfen haben, bezeichnen diesen Moment, wenn sie beispielsweise durch nichts mehr davon abzubringen sind, sich selbst zu verletzen, als „point of no return“. Alternatives Verhalten wird hier zwar aufgebaut und trainiert, aber: Das funktioniert jedoch nur dann, wenn ich als Betroffener rechtzeitig bemerke, dass ich in einen solchen Zustand impulsiven Handelns komme. Übertragen auf die Hundeerziehung heißt das: Wenn ich sehr früh bemerke, dass mein Hund „zu kippen droht“ habe ich die größten Chancen, das unerwünschte Verhalten durch den Aufbau nicht kompatibler alternativer Verhaltensweisen zu unterbinden. Leider geht das nicht immer, da die Impulsivität genetisch stark verankert ist und dem Hund (wenn es denn noch ein Hund ist) sein Überleben sichert (Beute machen, Verteidigen, Geschlechtstrieb etc.)
Jetzt sind die meisten Hunde (wenn es denn noch richtige Hunde sind) in der Regel aber noch impulsiver als die meisten impulsiven Menschen. Hunde sind andererseits extrem soziale Wesen, sie leben eigentlich in einem Rudel und das Nicht-Befolgen von Regeln hätte fatale Folgen für sie. Also lernen sie, ihre Impulsivität zu kontrollieren. Sie lernen das durch die wahrgenommenen Konsequenzen, und die können positiv und negativ sein. Kein Leitwolf wird einem juvenilen Rüden, der mal die Leitwölfin besteigen will, ein alternatives Verhalten shapen. Das wäre auch nicht artgerecht. Aber ganz abgesehen davon, wäre der juvenile Casanova aufgrund seines Erregungsniveaus gar nicht damit erreichbar, ebenso wenig wenn er sich nach geschlagener Beute herausnähme, als erster zu fressen.
Warum schreibe ich das? Meine Hunde schlafen neben meinem Bett. Sie begleiten mich in mein Büro, sie sind permanenter Bestandteil meines Lebens und ihr Wohlbefinden liegt mir sehr am Herzen. Ich wollte nichts tun, was ihnen schadet.
Aber: Liebe allein genügt nicht. Shapen allein genügt ebenso wenig. Wenn hier Newcomer im Forum vermittelt bekommen, man könne einen Hund ausschließlich mit positiver Verstärkung erziehen, dann ist das nicht nur schlichtweg falsch, sondern auch gefährlich, ebenso gefährlich wie Nanny-Sendungen. Die Natur kennt keine Belohnungen und Bestrafungen, sie kennt nur Konsequenzen, und wenn der Hund nicht gelernt hat, dass es auch sehr negative Konsequenzen gibt, dann wird er im Zweifelsfall sein impulsives Handeln durchsetzen, aber vielleicht sind dann ja andere Schuld, z.B. der Züchter, Vorbesitzer oder wer auch immer.
Ich bin zwar der Meinung, dass die Liebe zu seinem Hund, den wichtigsten Faktor bei Erziehung und Ausbildung verkörpert, aber Liebe allein schafft ebenso grenzenlose Hunde, wie ständige Bestrafung unglückliche, neurotische Hunde hervorbringt. Nichts gegen das clickern! Es ist eine sehr gute Methode zum Aufbau erwünschter Verhaltensweisen, aber man sollte die Methode, ihre Chancen und ihre Grenzen auch verstanden haben, bevor man sie hier als Allheilmittel propagiert.
Helmut Dillmann
http://www.schaeferhunde-von-mordor.de


