15-07-2015, 16:07
Moni-Ronja,'http://www.leistungshundeforum.de/index.php/Thread/24672-Verhaltensfrage/?postID=165666#post165666 schrieb:Für unerwünschte Verhaltensweisen benutze ich bei meinem Hund ein Abbruchsignal.
Das funktioniert, wenn der Hund entscheiden kann, und wenn er die Konsequenzen der Missachtung des Abbruchsignals mehr fürchtet als er das von uns unerwünschte Verhalten liebt. Also kann das je nach Hund schon mal sehr deftig werden und es sollte wegen der Nebenwirkungen gut überlegt werden, ob es nicht einen besseren Weg gibt, auch wenn er etwas länger dauert.
Es gibt eben viele Situationen im Leben eines jungen Hundes, wo er noch nicht entscheiden kann, ob er ein Abbruchsignal nicht besser befolgen sollte, weil ihm die Nerven entwicklungsbiologisch dabei einen Strich durch die Abwägungsrechnung machen. Das liegt an der Entwicklung des Gehirns, des Nervenkostüms, das noch nicht abgeschlossen ist. (Oder es liegt grundsätzlich am Nervenkostüm des Gehirns, dann dauert das Problem bei bestimmten Reizen und Intensitäten evtl. viele Jahre an. Dann hat man Pech gehabt und kann nur sehr begrenzt daran etwas ändern, wenn man den Hund nicht total brechen will.)
Bei jungen Menschen ist das mit der geringen Steuerungsfähigkeit ähnlich. Natürlich kann man den hyperaktiven Zappelphilipp in ein Korsett stecken oder ihm eine scheuern. Das überängstliche Kind ins Wasser schubsen. Das Kind in der Fremdelphase entgegen seinem Willen einem Fremden einfach auf den Schoss setzen. In der Trotzphase ihm zeigen, dass er mit Trotz alles noch viel schlimmer macht. Alle diese Zwänge können das Verhalten oberflächlich ändern, aber die Nebenwirkungen können lebenslang andauern.Gerade ein Gehirn in der Reifung reagiert schadloser, wenn es über Vermeidung bestimmter Situationen für eine gewisse Zeit oder Desensibilisierung mit angenehmer Belohnung Erfahrungen sammeln kann als mit Zwang.
Später dann, wenn das Gehirn nicht mehr so willenlos der Reizüberflutung ausgeliefert ist, kann es sich auch entscheiden. Dann macht ein Abbruchsignal Sinn.Leider funktionieren Zwänge bei jungen Hunden so gut, denn „das macht der jetzt im Leben nicht nochmal“. Stimmt, aber die Nebenwirkungen werden nicht gesehen, weil man ja nie erfährt, wie sich dieser Hund ohne diese Zwänge entwickelt hätte in Punkto Vertrauen, Arbeitsfreude, Selbstbewusstsein, Ausgeglichenheit, Vitalität, Entdeckerfreude usw.Man ist also gut beraten, wenn man bei bestimmten Reaktionen auf bestimmte Reize beim jungen Hund mehr Geduld hat, eher passive Zwänge verwendet, oder noch besser „schönfüttert“. Dabei fahren die Nerven runter, das Gehirn wird aufnahmefähiger, der Hund wird ansprechbarer. Bei einem clickererfahrenen Hund kriegt man mit dem Click einen Fuss in die Tür, denn er wird nicht nur zur Belohnung umorientiert, sondern er wird als geübter freeshaper rausfinden wollen, wofür er geclickt wurde und so allmählich durch die Phase des Aussortierens erkennen, dass er nicht für eine Steigerung des Bellens erfolgt. Die Phase des Aussortierens machen sie alle immer, um zu prüfen, ob es wirklich das ist, was sie meinen, oder doch etwas anderes. Ungeübte Clickerer meinen dann, dass der Hund ungehorsam ist oder keine Lust mehr hat, weil er doch jetzt etwas nicht macht, was er schon 10x mit Erfolg gemacht hat und trotzdem offensichtlich den Click erwartet. Diese im Shapen erprobte Aussortierphase macht man sich beim Schönclickern gezielt zu Nutze. Man belohnt ihn am Ende des Lernprozesses für das Nichtstun in dieser Reizsituation. Also keine Gefahr für die befürchtete Aggressionssteigerung.
Zu den bestimmten Reizen, das muss man nach dem Lesen einiger Beiträge hier vermutlich ausdrücklich betonen, die man nicht aussitzen oder schönfüttern sollte, gehört übrigens nicht die Wurst auf dem Tisch, die der Hund klauen will. Da ist ein angemessener aktiver Zwang auch für den Hund mit unreifem Gehirn oder generell dünnen Nerven, eine eindeutige Entscheidungshilfe, die er mit dem Abbruchsignal „Nein“ auch schnell verknüpft ohne Schaden in seiner Entwicklung zu nehmen. Das machen schon Rüden mit Welpen, wenn sie einen bestimmten Knochen zum Tabu erklären.
Leider denken viele, dass man den Hund früh einnorden muss, damit er nicht später die Weltherrschaft übernimmt und bedenken bei ihren Zwängen die biologischen Phasen der Gehirnreifung nicht. In diesem Sinne ist nämlich „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ falsch, denn erst Hans ist reif genug, in bestimmten Reizsituationen die Übersicht zu behalten, d.h. nicht blind seinen Nervenimpulsen ausgeliefert zu sein, und bestimmtes Verhalten zu lernen.
